Finanzmarktbericht 1. Halbjahr 2026

Die Finanzmärkte sind optimistisch ins Jahr 2026 gestartet. Der Konflikt im Nahen Osten hat jedoch die Unsicherheit zurückgebracht und gezeigt, dass das globale Wirtschaftssystem trotz aller Widerstandskraft verletzlich bleibt.

War der Wirtschaftsausblick zu Jahresbeginn noch recht gut, hat der Irankonflikt die Lage deutlich verändert – besonders für Europa. Der starke Anstieg des Ölpreises bremst die globale Konjunktur und erhöht zugleich den Inflationsdruck. Wie stark die Auswirkungen letztlich ausfallen werden, hängt vor allem davon ab, wie lange die Strasse von Hormus geschlossen bleibt.

Die Obligationenmärkte haben auf die Aussicht einer höheren Inflation und einer restriktiveren Geldpolitik bereits reagiert. Die Aktienmärkte zeigen sich dagegen erstaunlich entspannt. Sie profitieren davon, dass der Konflikt bislang die Geschäfte und die Gewinne vieler Unternehmen kaum beeinträchtigt hat. Zudem besteht weiterhin die Hoffnung, dass sich die Energiepreise in absehbarer Zeit wieder normalisieren werden.

Ein Schock nach dem anderen

Selbst wenn der Irankonflikt irgendwann beendet sein wird, dürfte damit nicht automatisch Ruhe einkehren. Seit der Pandemie wurde die Weltwirtschaft immer wieder von neuen Schocks getroffen: Lockdowns, Russlands Angriff auf die Ukraine, Handelszölle und nun der Irankonflikt. Vieles spricht dafür, dass solche Erschütterungen die Weltwirtschaft auch in den kommenden Jahren begleiten werden.

Die Welt ist unruhiger geworden, seit die westliche Führungsrolle an Bedeutung verloren hat und neue Machtzentren entstanden sind. Während es in der Weltwirtschaft früher vor allem um Effizienz ging, stehen heute Sicherheit und geopolitische Interessen im Vordergrund. Handel, Kapitalströme und Technologie sind längst zu politischen Instrumenten geworden. Die Kontrolle über strategisch wichtige Handelsrouten ist dabei ein wirksames Mittel, um Druck auf die Grossmächte auszuüben. Deshalb ist nicht auszuschliessen, dass der Iran die Strasse von Hormus auch künftig immer wieder als Machtinstrument einsetzen wird.

Die Folgen solcher Schocks – Ökonomen sprechen von negativen Angebotsschocks – sind bekannt: geringeres Wirtschaftswachstum, höhere Inflation und mehr Volatilität in den Portfolios. Besonders sichtbar wird das in Europa. Die Eurozone wurde von den Krisen der vergangenen Jahre stärker getroffen als andere Industrieländer. Entsprechend schwach hat sich ihre Wirtschaft entwickelt.

Jährlicher Aktienertrag (in CHF)

Jährlicher Aktienertrag (in CHF)
Quelle: Daten Macrobond

Schocks führen zu mehr Inflation

Eine höhere Inflation beobachten wir bereits heute in den USA, wo sich die Teuerung anders als in Europa nach der Pandemie nicht beruhigt hat. Die US-Inflationsrate befindet sich seit mehr als fünf Jahren über dem Inflationsziel der Zentralbank. Es ist noch zu früh, von einem neuen Inflationsregime zu sprechen. Dennoch erscheint es durchaus möglich, dass sich die Teuerung in vielen Industrieländern künftig eher bei 3 Prozent als bei 2 Prozent einpendeln könnte. Neben geopolitischen Angebotsschocks sprechen auch strukturelle Entwicklungen wie die Alterung der Gesellschaft oder die Neuausrichtung globaler Lieferketten dafür. Die Schweiz dürfte dabei eine Ausnahme bleiben. Nicht zuletzt der starke Schweizer Franken sollte dafür sorgen, dass die Inflation hierzulande unter 2 Prozent bleibt.

Für die Aktienmärkte wäre eine moderat höhere Inflation grundsätzlich verkraftbar. Problematisch wäre eine deutlich steigende Inflation, da diese eine restriktivere Geldpolitik verlangen würde. Eine höhere Teuerung würde allerdings auch eine verstärkte positive Korrelation zwischen Aktien und Obligationen bedeuten. Dadurch reduziert sich die Diversifikation und die Portfolios werden volatiler. Obligationen verlieren deshalb aber nicht ihre Bedeutung. Sie bleiben ein wichtiger Bestandteil vieler Portfolios, um Risiken zu reduzieren. Gleichzeitig dürften Anlegerinnen und Anleger verstärkt nach anderen Anlageklassen suchen, die eine zusätzliche Diversifikation bieten. Davon könnte insbesondere Gold profitieren.

Was jetzt zählt

Zu Jahresbeginn durften sich die Anleger berechtigte Hoffnungen auf ein gutes Börsenjahr machen. Diese Möglichkeit besteht weiterhin – auch wenn der Ausblick zuletzt unsicherer geworden ist. Gerade in solchen Phasen ist es entscheidend, investiert zu bleiben, Risiken breit zu streuen und auch in unruhigen Zeiten den langfristigen Blick nicht zu verlieren. Denn trotz Krisen und Rückschlägen hat die Weltwirtschaft langfristig immer wieder Wege gefunden, weiter zu wachsen.

Portrait Roger Wohlwend

Roger Wohlwend – Chefökonom der LLB-Gruppe

Roger Wohlwend studierte Elektrotechnik an der ETH Zürich. Nach dem Studium war er zwei Jahre lang in der Schweizer Industrie als Entwicklungsingenieur tätig, bevor er 2007 zur LLB ins Asset Management wechselte. Nach mehreren Jahren im Fondsmanagement übernahm er 2024 den Posten als Chefökonom.