Ungenaue Wachstumszahlen

Obwohl das Bruttoinlandprodukt (BIP) eine wichtige Rolle in Wirtschaft und Politik spielt, wird seine Genauigkeit nie hinterfragt. Seine Berechnung ist aufwendig und mit einer Reihe von Schwierigkeiten behaftet.

Ob ein Land der Aufgabe gewachsen ist, hängt massgeblich von der Grösse der nationalen Statistikbehörde ab. Je ärmer ein Land, desto kleiner ist sie in der Regel. Die Wachstumszahlen der OECD-Länder dürfen als zuverlässig betrachtet werden. Bei allen anderen Staaten sind Zweifel durchaus berechtigt nicht nur in Afrika und Lateinamerika, sondern auch in Indien und China. Deswegen darf man aber bei Industrieländern die Genauigkeit der Zahlen nicht überschätzen. Die Ökonomen und Medien erwecken zwar den Eindruck, dass man das BIP auf einen Zehntelprozentpunkt genau kennt. Angesichts der Ungenauigkeiten beim Erheben und Aufbereiten der Daten ist das wohl Illusion. Eine gewisse Unschärfe bleibt. Ob die Schweiz in diesem Jahr 2,1 Prozent wächst, wie es die Analysten erwarten, oder bloss 1,7 Prozent, mag zwar bedeutsam erscheinen, dürfte aber letztendlich auf das Gleiche hinauslaufen, weil man das BIP nicht genau genug messen kann. Nicht umsonst ist es mehreren Revisionen unterworfen.

Kritik am Konzept des BIP zur Messung des Zustands einer Volkswirtschaft gibt es schon lange. Bereits 1968 monierte der US-amerikanische Politiker Robert Kennedy in einer leidenschaftlichen Rede, dass das BIP all das ignoriere, was das Leben lebenswert mache. In der Tat berücksichtigt das BIP weder soziale Indikatoren wie die Einkommensverteilung noch den Zustand der Umwelt. Die Nachteile des BIP sind durchaus bekannt und es gibt bereits alternative Masse. Durchgesetzt hat sich bisher noch keines, sodass wir auf absehbare Zeit weiterhin mit dem BIP vorliebnehmen müssen.

Portrait Roger Wohlwend
Roger Wohlwend, Senior Portfoliomanager, LLB Asset Management AG, Vaduz

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