Das Comeback des Value Investing
KI-Euphorie und hoch bewertete Technologietitel dominieren die Börse. Doch abseits der Schlagzeilen entstehen Chancen: Value Investing ist zurück – selektiver und anspruchsvoller als früher.
An der Börse wechseln Trends schneller als Gewissheiten. Heute bestimmen Künstliche Intelligenz und Tech-Giganten die Schlagzeilen. Anlegerinnen und Anleger setzen auf die Gewinner von morgen und zahlen dafür fast jeden Preis. Value-Aktien wirken dagegen aus der Zeit gefallen. Doch wo die Aufmerksamkeit des Marktes nachlässt, können Chancen entstehen.
Value Investing setzt auf Unternehmen, deren Börsenkurs unter ihrem wirtschaftlichen Wert liegt. Im Fokus stehen solide Fundamentaldaten, nachhaltige Ertragskraft und eine attraktive Bewertung. Growth-Investoren bezahlen hingegen für künftiges Wachstum. Die Rechnung geht nur auf, wenn die hohen Erwartungen erfüllt werden.
Kaum eine Technologie hat so schnell so viel Kapital angezogen wie KI. Doch technologischer Fortschritt führt nicht automatisch zu wirtschaftlichem Erfolg. Entscheidend ist, wer Wettbewerbsvorteile in langfristige Cashflows übersetzt – und nicht wer vor allem Erwartungen verkauft. Viele Wachstumstitel haben nahezu perfekte Zukunftsszenarien eingepreist. Kleine Enttäuschungen können heftige Kursreaktionen auslösen. Günstig bewertete Unternehmen sind dagegen oft auf durchschnittliche Entwicklungen eingestellt und bieten mehr Spielraum nach oben. Die kräftigen Wechsel zwischen Value und Growth im ersten Halbjahr 2026 zeigen, wie schnell sich das Kräfteverhältnis verschieben kann.
Günstig allein genügt nicht. Geschäftsmodelle geraten schneller unter technologischen Druck. Deshalb zählen Bilanzqualität, Wettbewerbsposition, Anpassungsfähigkeit und Preissetzungsmacht stärker denn je. KI kann zugleich helfen, Bewertungsunterschiede früher zu erkennen.
Die Studie "Value vs. Growth: What Drives the Value Premium?" erklärt die langfristige Value-Prämie neu. Besonders erfolgreich sind demnach "New Value"-Aktien: Unternehmen, die erst vor Kurzem in das Value-Segment gewechselt sind. Sie verbinden attraktive Bewertungen mit robuster Profitabilität und solidem Umsatzwachstum. Neu als "Growth" klassifizierte Titel schneiden wegen ihrer ambitionierten Bewertung schwächer ab. Hohe Erwartungen allein garantieren keine Rendite.
Besonders ausgeprägt ist der Value-Effekt in Abschwüngen, bei restriktiver Geldpolitik, steigenden Zinsen und hoher Unsicherheit. Value sollte daher dynamisch verstanden werden. Überzogene Erwartungen bestehen an den Kapitalmärkten selten dauerhaft. Wenn KI die Unternehmenswelt verändert, gewinnt langfristig nicht zwingend, wer die beste Technologie besitzt, sondern wer den angemessenen Preis dafür zahlt. Anlegerinnen und Anleger sollten deshalb nicht nur die Gewinner von morgen suchen, sondern auch Unternehmen, deren Wert der Markt heute unterschätzt.