Die SNB hat keinen Grund zur Eile

Während andere Zentralbanken ihre Geldpolitik straffen, bleibt die SNB gelassen. Entscheidend bleibt die Inflation – und deren Entwicklung liefert noch kein Argument für eine geldpolitische Kehrtwende.

Grafik Leitzins Inflation

Alle Zentralbanken heben die Zinsen an – nur die Schweizerische Nationalbank (SNB) nicht. Das sorgt für Verunsicherung und führte auch an der Pressekonferenz zu mehreren Fragen. Doch die SNB fühlt sich mit dem Leitzins von 0 Prozent wohl und sah an ihrer heutigen Sitzung keinen Anlass, etwas daran zu ändern. Die Geldpolitik sei angemessen, um die Inflation im Bereich der Preisstabilität zu halten, und stütze zugleich die Wirtschaftsentwicklung, so die Nationalbank.

Bedingungen für eine Zinserhöhung

Damit die Nationalbank ihre Geldpolitik strafft, müssen unserer Ansicht nach vermutlich zwei Bedingungen erfüllt sein. Zum einen dürfte die aktuelle Inflationsrate mindestens 1 Prozent betragen. Zum anderen müsste die Inflationsprognose der SNB einen Aufwärtstrend für die kommenden Quartale anzeigen und auf mindestens 1.75 Prozent steigen. Derzeit ist keine der beiden Bedingungen erfüllt.

Die Schweizer Inflationsrate steigt zwar an, setzt die Nationalbank bislang aber nicht unter Druck. Gemäss ihrer Prognose steigt die Inflationsrate weiter, bleibt jedoch bis Ende 2028 tief. Die Abwertung des Frankens verteuert importierte Güter und erhöht damit die Inflation. Dadurch ist auch die mittelfristige Inflationsprognose leicht gestiegen. Der Effekt reicht jedoch nicht aus, um den Ausblick entscheidend zu verändern. Die Preisstabilität ist nicht gefährdet – entsprechend besteht kein Handlungsbedarf.

Risiken bleiben bestehen

Solange der Konflikt im Nahen Osten ungelöst bleibt, besteht das Risiko einer höheren Inflation als derzeit prognostiziert. Steigende Preise für Öl, Gas oder Ölprodukte sowie mögliche Zweitrundeneffekte könnten die Teuerung antreiben und die Nationalbank zum Handeln zwingen.

Da ausländische Zentralbanken ihre Geldpolitik weiter straffen dürften, wird die Zinsdifferenz zur Schweiz grösser. Das spricht für einen schwächeren Franken. Trotz einer möglichen weiteren Abwertung dürfte die Schweizer Währung jedoch stark bleiben. Eine Zinserhöhung aufgrund der Währungsentwicklung bleibt zwar ein Risiko, erscheint uns aber unwahrscheinlich.

Leitzins dürfte bei null bleiben

Angesichts des aktuellen wirtschaftlichen Umfelds ist eine Zinssenkung derzeit keine Option. Eine Zinserhöhung aus Gründen der Preisstabilität wird erst notwendig, wenn sich der Inflationsausblick deutlich verschlechtert. Der Leitzins dürfte deshalb in den kommenden Quartalen bei 0 Prozent bleiben.

Grundsätzlich dürfte die Nationalbank ein höheres Leitzinsniveau begrüssen, um nicht dauerhaft nahe am negativen Bereich zu operieren. Entfernt sich die Inflation vom unteren Ende des Zielbandes und entwickelt sich die Konjunktur gleichzeitig robust, dürfte die SNB die Gelegenheit für eine Zinserhöhung nutzen. Wann diese Voraussetzungen erfüllt sein werden, lässt sich derzeit jedoch nicht verlässlich sagen.

Portrait Roger Wohlwend
Roger Wohlwend, Fixed Income Management, LLB Asset Management AG